Ansprache von Stadtdechant Msgr. Robert Kleine zur Verabschiedung von Annelie Bracke
24. Juni 2026; ksd
Köln. Nach 34 Jahren an der Spitze der Katholischen Telefonseelsorge Köln wurde Annelie Bracke am 22. Juni 2026 in St. Maria im Kapitol feierlich verabschiedet. Umrahmt von Chormusik sowie einem Duo aus Klavier und Violoncello dankte Stadtdechant Msgr. Robert Kleine ihr für mehr als drei Jahrzehnte engagierten Dienstes am Nächsten. Seine Ansprache dokumentieren wir im Folgenden im Wortlaut.
Sehr geehrte Damen und Herren, heute verabschieden wir eine Frau, die über viele Jahrzehnte hinweg die Telefonseelsorge in der Stadt Köln im Erzbistum Köln geprägt hat – mit großem Engagement, mit Weitblick und vor allem mit einem tiefen menschlichen und christlichen Verständnis für die Menschen, die sich in Not einer fremden Person anvertrauen.
Liebe Frau Bracke,
Ihr Studium der Psychologie in Münster und Zürich schlossen Sie 1989 mit dem Diplom und – ich hoffe, es fällt nicht unter Datenschutz – mit der Note „sehr gut“ ab.
Ab dem 1. Juli 1992 arbeiteten Sie dann bei uns, in der Katholischen Telefonseelsorge in der Stadt Köln, also seit 34 Jahren. Und seit dem 1. Juli 2000, über ein Vierteljahrhundert, waren sie Leiterin unserer katholischen Telefonseelsorge Köln.
Zugleich waren Sie Diözesanbeauftragte für Telefonseelsorge im Erzbistum Köln.
Mit „Telefonseelsorge“ verbinden viele eine Telefonnummer und ein Telefon, das irgendwo in Deutschland klingelt. Doch hinter diesem Klingeln verbirgt sich oft ein ganzes Leben: Menschen, die nicht mehr weiterwissen, die nachts wachliegen, die sich einsam fühlen, die einen Verlust erlitten haben oder die innerlich so belastet sind, dass sie keinen anderen Gesprächsweg mehr sehen.
Da ist die junge Frau, die nach einer Trennung nicht schlafen kann und zum ersten Mal sagt: „Ich
halte das allein nicht mehr aus.“
Da ist der ältere Mann, dessen Partnerin gestorben ist und der abends am Tisch sitzt, wo
früher noch jemand saß.
Da ist die Mutter, die sich schuldig fühlt, weil sie glaubt, ihrem Kind nicht gerecht zu
werden.
Da ist der Jugendliche, der sich niemandem in seinem Umfeld anvertrauen kann und den Mut nur
noch über den anonymen Anruf findet.
Und genau dort beginnt der Dienst der Telefonseelsorge: nicht mit schnellen Lösungen, sondern mit einem Satz, der manchmal schon alles verändert: „Ich höre Ihnen zu.“ Die Telefonseelsorge ist daher ein ganz besonderer Ort in unserer Kirche, ein spezieller Kirch-Ort.
Sie ist kein sichtbarer Raum mit Türen und Bänken, sondern ein Raum am Telefon und inzwischen auch am Computer– der sich den Anrufenden öffnet: oft mitten in der Nacht, in Momenten von Einsamkeit, Angst oder Verzweiflung.
Im Psalm 34 heißt es: „Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind.“ Diese Nähe Gottes wird in der Telefonseelsorge oft ganz konkret erfahrbar – durch Menschen wie Sie, die Haupt- und Ehrenamtlichen, die am anderen Ende der Leitung sitzen.
Genau dort, im Raum der Telefonseelsorge, war Ihre Arbeit, liebe Frau Bracke, über Jahrzehnte wirksam und fruchtbar:
Im Zuhören, im Dasein, im Aushalten und im Mittragen.
Sie, liebe Frau Bracke, haben diesen Dienst viele Jahre verantwortet und gestaltet im Geist der Kirche. Sie haben Strukturen aufgebaut, die es ermöglichen, dass Menschen Tag und Nacht erreicht werden können.
Sie haben die katholische Telefonseelsorge in Köln nicht nur geleitet, sondern geprägt.
Und Sie haben vor allem Menschen dafür gewonnen und begleitet, die genau dieses Zuhören möglich machen: die Ehrenamtlichen.
Ja, Sie haben den Kreis der Ehrenamtlichen kontinuierlich erweitert und damit gezeigt, dass Kirche dort lebendig ist, wo Menschen bereit sind, sich Zeit zu nehmen – Zeit für die, die oft keinen anderen Gesprächspartner mehr haben.
Immer wieder erzählen Mitarbeitende der Telefonseelsorge, wie sehr sie selbst durch diese Aufgabe gewachsen sind. Nicht selten sagen sie nach einem Gespräch: „Ich habe nicht viel gesagt – aber ich war einfach da.“ Und manchmal ist genau das entscheidend.
Ein Anruf, der damit beginnt: „Ich weiß nicht, ob ich noch leben will“, wird dann zu einem Gespräch, in dem jemand zum ersten Mal wieder spricht, statt zu schweigen. Oder ein Anrufer sagt am Ende: „Danke, dass Sie nicht aufgelegt haben.“
Das sind keine großen Schlagzeilen. Es sind leise Momente. Aber genau aus solchen Momenten besteht die Arbeit, die Sie über Jahre hinweg mitgetragen und geprägt haben.
Und dafür wurde Ihnen bereits 2009 der Verdienstorden des Bundes verliehen.
Viele, die mit Ihnen zusammengearbeitet haben, beschreiben Sie als jemanden, der nicht nur organisiert, sondern auch verbindet. Sie haben, wie schon erwähnt, die heute über 70 Ehrenamtlichen begleitet und gestärkt – und damit einen Kreis geschaffen, der immer größer geworden ist. Ein Kreis von Menschen, die bereit sind, sich fremden Geschichten auszusetzen, ohne sie sofort lösen zu müssen.
Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten in der Telefonseelsorge: nicht vorschnell zu antworten, sondern auszuhalten. Schweigen auszuhalten. Tränen auszuhalten. Fragen auszuhalten, auf die es keine schnellen Antworten gibt.
Diese Nähe wird in der Telefonseelsorge oft auf besondere Weise erfahrbar – nicht laut, nicht spektakulär, sondern leise, durch ein Gespräch, das trägt. Auch ein bekanntes Wort Jesu passt sehr gut zu diesem Dienst: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). In der Telefonseelsorge wird dieser Satz konkret: im Hören, im Dasein, im Ernstnehmen eines Menschen, der vielleicht sonst niemanden mehr hat, der wirklich zuhört.
Liebe Frau Bracke, wenn wir heute auf Ihre Arbeit zurückblicken, dann sehen wir nicht nur eine Leitungstätigkeit. Wir sehen eine Haltung. Eine Haltung, die sagt: Jeder Mensch zählt. Jeder Mensch verdient Aufmerksamkeit. Kein Leben ist zu unbedeutend, um gehört zu werden.
Vielleicht würden Sie selbst rückblickend sagen – so, wie viele Menschen es in solchen Diensten tun –, dass nicht jede Situation „gelöst“ werden konnte. Dass es Gespräche gab, die schwer geblieben sind. Dass man manchmal nach einem Dienst gespannt auflegt und denkt: „Ich hoffe, es geht diesem Menschen irgendwie gut.“
Und gleichzeitig würden Sie vermutlich auch sagen, dass genau darin die Stärke dieser Arbeit liegt: nicht alles kontrollieren zu können, aber trotzdem da zu sein. Nicht alle Wege zu kennen, aber niemanden allein zu lassen, solange das Gespräch dauert.
Vielleicht würden Sie auch sagen, dass Sie selbst durch diese Arbeit verändert wurden. Dass Sie gelernt haben, wie zerbrechlich Leben sein kann – und gleichzeitig, wie viel Kraft in einem ehrlichen Gespräch steckt. Und dass Sie immer wieder erlebt haben, dass Menschen überraschend viel Hoffnung entwickeln können, wenn jemand ihnen wirklich zuhört.
Heute danken wir Ihnen für diesen Weg. Für Ihre Leitung, Ihre Klarheit, Ihre Beharrlichkeit – und vor allem für Ihr Herz für diese Arbeit. Sie haben dazu beigetragen, dass die Telefonseelsorge ein Ort geblieben ist, an dem Kirche nicht zuerst spricht, sondern zuhört.
Nun gehen Sie einen neuen Abschnitt Ihres Lebens. Und wir hoffen, dass Sie mit einem guten Gefühl zurückblicken können: auf all die Gespräche, auf all die Menschen, die Sie begleitet haben, und auf die vielen Ehrenamtlichen, die durch Sie ihren Platz gefunden haben.
Und wir wünschen Ihnen, dass Sie spüren dürfen: Dieser Dienst ist nicht einfach „vorbei“. Er hat Spuren hinterlassen – in anderen Menschen und auch in Ihnen selbst. Und diese Spuren sind etwas Bleibendes.
Für all das sagen wir Ihnen heute von Herzen: Danke.
Und wir bitten Gott, dass er Sie begleitet auf Ihrem weiteren Weg – mit Frieden im Herzen, mit Dankbarkeit im Rückblick und mit Vertrauen in das, was kommt.
Hier ist die Ansprache als Download.
