"Begegnungen können wirken"

29. Januar 2026; ksd

Josef Zimmermann
Josef Zimmermann

Köln.  Seit 2006 leitet Josef Zimmermann die Beratungsstelle für Familien in Köln im Severins-Viertel. Nun übergibt er nach 19 Jahren die Leitung. Im Interview lässt der Diplom-Psychologe seine Schaffenszeit in der Familienberatung Revue passieren und hat einen Ratschlag für Kölner Eltern – und seinen Nachfolger.

 

Herr Zimmermann, seit 19 Jahren leiten Sie die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche, Eltern und Familien in Köln. Wenn Sie auf das Jahr 2006 zurückblicken und es mit 2025 vergleichen: Mit welchen Problemen kamen Familien damals zu Ihnen und was sind die Themen, die Familien heute am meisten bewegen?

 

Womit Eltern immer kommen – sei es 2006, 2026 oder 1986 – ist die Frage: Wie gelingt die Beziehung zu Hause? Was kann wer dafür tun, dass wir uns gemeinsam begegnen und unterstützen? Das bleibt immer gleich. Was sich allerdings zwischen der vordigitalen und der digitalen Zeit verändert hat, sind die Außeneinflüsse, die massiv zugenommen haben. Das heißt, dass elterliche Einflüsse an Relevanz verlieren, während Medienkonsum und virtuelle Parallelwelten mehr Zeit einnehmen. 2006 hatte vielleicht ein Kind ein Handy oder einen Gameboy, aber das war noch kein Smartphone. Damit hat ein Kind Zugang zu so vielem, was eigentlich nicht für Kinder gedacht ist.

 

Eine weitere Veränderung ist seit Corona zu erkennen. Für Kinder, die wenige Jahre vor der Pandemie geboren wurden, gibt es nur den Dauer-Krisenmodus. Corona, Umschwung in der Politik, der Krieg in der Ukraine, wirtschaftliche Sorgen und so weiter. Es gibt gefühlt keine Pause, sodass die Gegenwart als Dauerkrise empfunden wird.

  

Vermutlich wünschen sich viele Eltern eine Gebrauchsanweisung für das Zusammenleben mit ihren Kindern. Was ist Ihre Botschaft an die Familien in der Domstadt?

 

Nehmen Sie sich Zeit. Schaffen Sie sich Zeit und verbringen Sie sie mit Ihrer Familie. Wir reden hier nicht von Tagen, Monaten oder dem Sommerurlaub. Nein, nehmen Sie sich "kleine" Zeiten. Sei es, gemeinsam zu kicken, eine Gutenachtgeschichte vorzulesen oder zu albern. Sorgen Sie für kleine Momente ungeteilter Aufmerksamkeit.

  

Haben die Kölner Familien Sie auch etwas gelehrt?

 

Dass es viele Wege gibt, wie man miteinander und mit Kindern umgeht. Es gibt keine Anleitung, jeder Weg ist individuell. 

  

Hat sich Ihr Glaube durch Ihre Arbeit in all diesen Jahren verändert?

 

Ich habe immer wieder erlebt, dass Begegnungen wirken. Der Dialog, den wir miteinander führen, kann Veränderungen bewirken, wenn wir uns als Menschen sehen. Eine zugewandte Freundlichkeit erzeugt die beste Resonanz. Egal, wie aufgebracht oder frustriert mein Gegenüber gerade erscheint, er ist auch ein Kind Gottes, das sein Bestes gibt. 

  

Welchen Rat würden Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?

 

Was mir sowohl in der Beratung als auch in der Leitung geholfen hat, ist, nicht alles aus sich selbst zu schöpfen. Man muss nicht immer alles wissen oder können. Oftmals ist eine Frage wie „Was ist deine Idee?” hilfreicher. Das rate ich zum einen Eltern im Umgang mit ihren Kindern, aber auch im Kollegenkreis ist das gut. Natürlich habe ich eine Vorstellung, bevor ich ein Gespräch beginne, aber womöglich wird diese durch die Gedanken meines Gegenübers noch verbessert, erweitert oder in eine neue Richtung gelenkt, an die ich noch nicht gedacht habe.

  

Wenn Sie Ihr Büro in naher Zukunft zum letzten Mal abschließen, welches Gefühl wird dann überwiegen? Die Vorfreude auf etwas Neues oder die Wehmut über die vielen Geschichten, die in diesen Räumen zurückbleiben?

 

Ich habe von Anfang an einen hohen Vertrauensvorschuss erhalten. Dadurch konnte ich gemeinsam mit den Kollegen das umsetzen, was ich und wir für sinnvoll und werthaltig erachteten. Darüber bin ich froh. Ich hatte eine richtig gute Zeit hier, und nun ist es gut nach 20 Jahren Zeit für Neues zu haben (lacht).

   

 

Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche befindet sich in der Arnold-von-Siegen-Straße 5. Sie bietet vielseitige Unterstützung für Familienmitglieder sowie Lehrer*innen, Erzieher*innen und Mitarbeiter*innen in sozialen und pädagogischen Berufen. Weitere Informationen finden Sie hier.

 

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