„Du bist nicht allein. Ich bin da.“
30. Juni 2026; ksd
Köln. Nach 34 Jahren geht Annelie Bracke, die Leiterin der Katholischen Telefonseelsorge Köln, heute in den Ruhestand. Im Interview mit dem Stadtdekanat erzählt sie, wie man lernt, mit den Ohren zu „sehen“, wo KI unverhofft helfen kann – und wie ihr Glaube sie bei ihrer Arbeit stets unterstützt hat.
Frau Annelie Bracke, seit 34 Jahren helfen Sie Menschen über das Telefon. Wie sehr hat sich die Telefonseelsorge in dieser Zeit verändert?
Die Substanz der Telefonseelsorge ist gleichgeblieben, weil die Menschen mit ihren persönlichen, großen Lebensthemen anrufen. Es geht also weiterhin um Einsamkeit, um Beziehungen in Partnerschaft, Familie und im Lebensumfeld, um körperliche und psychische Krankheiten und es geht um akute Lebenskrisen. Und die Menschen haben den Wunsch, jemanden zum Reden zu haben und verstanden zu werden. Das war vor 60 Jahren genauso wie jetzt. Was sich bei diesen ganz persönlichen Themen weiterentwickelt hat: In den letzten – ich würde sagen 15 bis 20 Jahren – sind Themen aus dem Arbeitsleben größer geworden. Also Mobbing, Druck und auch Armut.
Ganz aktuell ist zu beobachten, dass Menschen auch für persönliche Anliegen die KI zu Rate ziehen. So sagt manchmal ein Anrufer: „Die KI hat mir empfohlen, bei Ihnen anzurufen.“ Oder eine Anruferin: „Das Thema habe ich schon mit meiner KI besprochen, und die findet das so – was sagen Sie dazu?“
Kann man denn mit einem fremden Menschen ein so intimes Gespräch führen, ohne die Mimik des Gegenübers zu sehen?
Die Stimme transportiert sehr viel. Ich brauche dazu keinen Augenkontakt. Man lernt zu hören, wie es sonst vielleicht nur blinde Menschen können.
Selbst wenn sich jemand meldet und danach lange schweigt, habe ich In diesem Schweigen manchmal schon eine Ahnung von der Stimmungslage, obwohl ich noch nichts gehört habe.
Umgekehrt musste ich auch lernen: Wenn ich schweige, weil ich nachdenke, sprachlos oder total berührt bin, ist es hilfreich für mein Gegenüber, wenn ich sage: „Das bewegt mich gerade, das muss ich erst einmal auf mich wirken lassen.“
Die herausfordernden Themen, mit denen sich die Telefonseelsorge täglich befasst, wirken auf den Außenstehenden erdrückend. Was sagt man zum Beispiel jemandem, der daran denkt, sein Leben zu beenden, und der vielleicht sogar einen „guten“ Grund dazu hat?
Ein subjektiv guter Grund von der Person ist ja immer da – ob ich das jetzt so sehe oder nicht. Die Spannweite reicht von „Ach, manchmal wäre ich froh, wenn alles vorbei wäre“ bis zu „Ich werde es tun, ich habe auch schon die Tabletten bereitgelegt“. Die erste Regel ist, dass man es immer anspricht, auch wenn es nur angedeutet ist. Suizidgedanken anzusprechen macht es nicht schlimmer. Als Laie denkt man, dass man den anderen erst auf dumme Gedanken bringt, aber dem ist nicht so. Im Gegenteil, man bekommt einen Boden. Dann versteht man, wo der andere steht. „Verstehen“ heißt in meiner Arbeit nicht „akzeptieren“ oder „richtig finden“. Verstehen heißt: Sich in die Sicht des anderen hineinversetzen.
Jemand, der an Suizid denkt, befindet sich seelisch wie in einem dunklen Raum. Der Suizid, erscheint da wie eine Tür, durch die er diesen dunklen Raum verlassen kann. Die Idee ist oft gar nicht: Danach ist der Mensch dort, wo es hell ist, sondern es geht darum, durch die Tür der Dunkelheit zu entkommen. Deshalb muss ich erst einmal verstehen, wie dieser Raum geschaffen wurde und was so verlockend an dieser Tür ist. Man kann niemandem den Suizid ausreden, vielmehr ist es wichtig, in Kontakt zu treten. Ich habe einmal an einer Fortbildung teilgenommen mit einem Feuerwehrmann, der auf der Golden Gate Bridge jahrelang Wache geschoben hat. Da gibt es häufig Suizide. Er hat erzählt, dass man niemanden, der bereits über das Geländer geklettert ist, wieder herüberziehen kann. Er hat sich deshalb manchmal stundenlang daneben gestellt und ist einfach in Kontakt geblieben. Das ist eigentlich das Wertvollste und Wichtigste, und das versuchen wir auch. Manchmal hilft allein, dass ich versuche, zu verstehen, und in Kontakt bleibe. Zum Ende des Gesprächs kann ich dann eine Brücke bauen und sagen: „Rufen Sie gerne wieder an, wenn Sie wollen.“
Aber wenn jemand auflegt, dürfen Sie nicht zurückrufen. Sie sehen wahrscheinlich auch die Telefonnummer nicht, oder?
Nein, wir sehen sie nicht. Wenn jemand akut gefährdet ist und im Laufe des Gesprächs bereit ist, einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort zu geben, dann dürfen wir jemanden hinschicken – das müssen wir sogar. Wir bleiben dran und informieren die Polizei, die gegebenenfalls mit einem Rettungsdienst kommt.
Gibt es denn Fälle, die Sie noch innerlich beschäftigen, oder ist nach über drei Jahrzehnten alles schon einmal gehört worden?
Man stumpft nicht ab, sonst könnte man hier nicht mehr sitzen. Aber man wird gelassener. Ich glaube schon, dass ich vor 30 Jahren intensive Gespräche mehr mit nach Hause genommen habe. Jetzt ist es so, dass es mich in der Schicht berührt und bewegt, aber ich nehme es nicht mehr mit. Dazu dient bereits die Übergabe an den Kollegen oder die Kollegin, die nach mir ans Telefon geht. So lasse ich es ein Stück weit an dem Ort, an dem ich gearbeitet habe. Deshalb würde ich die Seelsorge auch nie von zu Hause aus machen wollen. Ich brauche den Ortswechsel und die Übergabe.
Natürlich gibt es immer noch Gespräche, die mich etwas länger bewegen. Ich weiß aber, dass ich sie irgendwann loslassen kann; deswegen kann ich sie auch in Ruhe ein bisschen nachklingen lassen in mir. Tatsächlich ist es so, dass es ganz viele Geschichten gibt, die offen bleiben. Man weiß ja nicht: Wie geht es jetzt mit der Jugendlichen weiter, die missbraucht wird, oder mit dem Menschen, der so eine schwere chronische Erkrankung hat? Ich konnte für den Moment da sein und vielleicht lindern, aber der Weg geht für diesen Menschen trotzdem weiter. Und dann gebe ich das manchmal innerlich an Gott ab. Wir haben im Dienstzimmer eine Kerze stehen, die nicht für die Gemütlichkeit da ist, sondern dafür, dass man sie für einen Anrufenden anzündet. Das mache ich manchmal. Dann kann auch ich selbst besser loslassen.
Sie haben mit unzähligen Menschen am Telefon Seelsorgegespräche geführt. Wie sehr hat das Ihren Blick auf Gott und Menschen geprägt oder verändert?
Manchmal erstaunt es mich, wie Anrufende sich trotz schwerer Umstände von Gott getragen fühlen. Wenn ich zum Beispiel Anrufende, die schon lange ein unheimlich schweres Schicksal haben, frage: „ Wie schaffen Sie das?“, dann gibt es manchmal Menschen, die sagen: „Mein Glaube hilft mir“.
Durch die Begegnungen in der Telefonseelsorge habe ich mehr Demut und Respekt vor Lebensgeschichten bekommen. Ich habe erfahren, wie Menschen es schaffen, über Jahre in sehr belasteten Situationen zurechtzukommen. Wenn man lernt, wie Menschen mit so viel Schwere umgehen, dann lernt man auch, das mit auszuhalten. Ich bin ja nur einen Moment am Hörer und erlebe nicht den ganzen Weg. Für die Anrufenden ist auch das kurze Gespräch womöglich ein großer Schatz. Ich habe gelernt, wie groß der Schatz dieses Augenblicks der Begegnung und wie wertvoll das Dasein, das Mitgehen und das Zuhören für den anderen Menschen sein kann.
Die Metapher „Schatz der Begegnung“ ist von Anrufer-Seite aus treffend – aber ist der Anruf auch für Sie, die angerufene Person, etwas Besonderes?
Anrufende wollen, dass sie mit ihrem Anliegen wahrgenommen werden und dass jemand das versteht und ein Stück mitgeht. Es ist leichter, die Schwere auszuhalten, wenn man damit nicht allein ist. Das Alleinsein ist oft viel schlimmer als die Situation selbst. Die Anrufenden wissen ja auch, dass ich nicht Arbeitslosigkeit, Liebeskummer oder was auch immer heilen oder ändern kann. Aber wir Menschen fühlen uns noch schlechter, wenn wir mit schweren Gefühlen allein sind. Manchmal verstehe ich auch die Gefühle oder Probleme des Gegenübers nicht. Wenn ich dann offen und interessiert nachfrage, geschieht manchmal Erstaunliches: Durch das Nachdenken und das Erzählen über sich selbst, beginnen Menschen manchmal, sich besser zu verstehen. Wenn ich einfach nur da bin und mich offen und interessiert einlasse, auch mit meinem Nichtverstehen, können Menschen sich selbst wieder annehmen und neuen Mut finden.
Was braucht es, um Menschen langfristig für diese anspruchsvolle Aufgabe zu gewinnen und sie zu halten?
Um wahrnehmbar zu sein, machen wir Öffentlichkeitsarbeit auf vielen Kanälen. Dadurch haben wir zum Glück genügend Bewerber und Bewerberinnen. Es folgt eine Phase, in der beide Seiten schauen, ob dieses Ehrenamt das passende ist. Wer mitarbeitet, macht die Erfahrung, viel zurückzubekommen. Neben vielfältigen fachlichen Fortbildungen und einer tollen Gemeinschaft, erleben sie auch am Telefon, dass sie im Geben gleichzeitig bereichert werden.
Was ich als Leitung dafür tun kann, ist, gemeinsam mit meinem hauptamtlichen Team die Ehrenamtlichen im Blick zu haben und meine Arbeit gut zu machen. Das bedeutet in meiner Position, dafür zu sorgen, dass der Rahmen stimmt, fachlich, organisatorisch und auch finanziell, dass man gute Angebote zur Qualifizierung und für die Gemeinschaft macht, und vor allem: dass man gut zuhört und wertschätzend ist. Was sind die Anliegen? Was brauchen die Mitarbeitenden? Mir ist es wichtig, die Menschen im Blick zu haben und gleichzeitig Hüterin der Grenzen zu sein. Ich glaube, das schätzen die Ehrenamtlichen hier.
Wie hüten Sie die Grenze? Sie sitzen ja nicht jeden Tag mit den Leuten dabei und hören, was die sagen.
Wenn die Ehrenamtlichen am Telefon sind, bin ich nicht dabei. Meine Aufgabe ist es, für Qualitätssicherung zu sorgen. Neben regelmäßigen Fortbildungen haben die Mitarbeitenden alle drei Wochen Supervision mit externen oder internen, dafür ausgebildeten Fachkräften. Da können sie einbringen, was schwierig war, was sie sehr berührt hat und was sie fachlich vertiefen möchten. Ich vertraue allen, dass sie ihren Dienst hier gut machen und sich weiterentwickeln möchten.
Nun steht Ihre Verabschiedung bevor, ein Lebensabschnitt neigt sich dem Ende zu. Wie sehen Sie dieser Veränderung entgegen?
Das Schöne ist ja, dass ich unheimlich gerne hier arbeite und gearbeitet habe. Ich hatte auch immer viel Glück mit meinen Teams und mit meinen Chefs. Deswegen ist es auch wirklich ein schwerer Abschied, da ist auch Trauer mit dabei. Gleichzeitig gibt es auch Vorfreude auf den nächsten Lebensabschnitt. Im Moment geht es mir gut, und ich hoffe, dass ich noch lange Neues entdecken und gestalten kann. Darauf freue ich mich.
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich unerledigte Baustellen hinterlasse. Ich glaube, ich kann gut und in Frieden gehen – nicht, weil alles abgeschlossen ist, sondern weil die Prozesse weitergehen. Ich finde, dass die Telefonseelsorge ein fruchtbarer Garten ist, und ich glaube, dass dieser weiterwachsen und gedeihen wird. Es gibt hier viele, die dazu beitragen, und die neue Stellenleiterin wird es auch tun.
Die Metapher, die Sie gerade verwendet haben, ist wunderschön: die Telefonseelsorge als Gemeinschaftsgarten. Und nur weil Sie jetzt gehen, heißt das nicht, dass die Dinge aufhören zu wachsen. Das wird immer weitergehen.
Anders als unser Interview, denn wir kommen jetzt zur letzten Frage: Was würden Sie jemandem in ein, zwei Sätzen mitgeben, der gerade tief in der Krise steckt?
Wenn ich diesem Menschen, der in der Krise ist, am Telefon begegnen würde, dann wäre der Satz: „ Du bist nicht allein. Ich bin da.“ Das ist das, was wir als Telefonseelsorge anbieten können. Da zu sein mit offenem Ohr und offenem Herz.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 -1110111 oder 0800 - 1110222.
Mail- und Chatberatung ist ebenfalls möglich.
Weitere Infos unter: telefonseelsorge-koeln.de
