Ein Jahr nach der Flut: Inklusive Flutopferhilfe unterstützt Familien / Aufruf an Betroffene mit Behinderung sich bei Hilfebedarf zu melden

11. Juli 2022; ksd

Köln. Ein Jahr ist es her, dass in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 die Flut an Ahr, Erft, Swist und Urft mehr als 180 Menschen in den Tod riss und tausende Existenzen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz vernichtete. Einen besonderen Hilfebedarf haben Menschen mit Behinderung. Das Koordinationsbüro Inklusive Flutopferhilfe des Stadtdekanats Köln mit seinem Rechtsträger, dem Gesamtverband der katholischen Kirchengemeinden Köln, und mit Koordinator Michael Schmidt begleitet und unterstützt bis heute Familien und andere Flutopfer mit Beeinträchtigung. Weil viele Betroffene noch immer nicht wissen, welchen Anspruch auf Hilfe sie haben und welche Möglichkeiten der Unterstützung es gibt, ruft Schmidt zum ersten Jahrestag der Flut auch dazu auf, sich bei Hilfebedarf im Koordinationsbüro zu melden. Fünf Beispiele zeigen, wie die Einrichtung Menschen an Ahr, Swist und Erft dabei unterstützt, ihr Leben neu aufzubauen – und wie viel noch zu tun ist.

„In der Flutnacht wurde das Haus einer alleinerziehenden Mutter in der Region Euskirchen in unmittelbarer Nähe zur Erft komplett überschwemmt“, erzählt Michael Schmidt. Ihre Tochter leidet an einer spastischen Lähmung und epileptischen Anfällen. Sie ist ein Pflegefall und muss rund um die Uhr betreut werden. Die Mutter leistet dies überwiegend allein neben ihrem Beruf. Als die Flut kam, war kein Platz und keine Zeit für die eigenen Ängste. Ihr einziges Ziel war es, ihre Tochter zu retten. Die Schwester und ihr Schwager halfen bei der Rettung in die obere Etage, Keller und Erdgeschoss liefen komplett voll. 

Danach galt es für Frau M.* vor allem, irgendwie weiterhin zu funktionieren, um die Pflege ihrer über 30-jährigen Tochter aufrecht erhalten zu können. Ihr bisheriges Zuhause war überwiegend zerstört. „Der Großteil der Möbel war verlorengegangen oder musste nach der Flut entsorgt werden“, erzählt Schmidt. „Zum Glück war das Haus versichert und konnte nach zehn Monaten der Sanierung wieder bezogen werden.“ Doch der Pauschalbetrag aus dem Wiederaufbaufonds reichte nicht für die neue Einrichtung.

Spendengelder sollen in so einem Fall nach dem Prinzip der Nachrangigkeit fehlende Mittel ausgleichen. Das heißt: erst nachdem die Versicherungs- und staatlichen Leistungen geflossen sind, kommen Haushaltsbeihilfen zur Wiederbeschaffung von Hausrat und persönlichem Bedarf zum Zuge. Doch in der Realität ist das für Betroffene nicht immer so einfach. Die Vergabe der Spendengelder ist an hohe Auflagen gebunden, Betroffene müssen lückenlos darlegen, wofür das Geld verwendet wird. Fluthilfe-Koordinator Schmidt begleitete Frau M. zu mehreren Terminen mit dem Malteser Hilfsdienst. „Bescheide wurden geprüft und zahlreiche Unterlagen zusammengetragen. Wir haben eine genaue Aufstellung des Hausrates pro Zimmer, mit Wertangaben, aufgelistet. Der Hilfsantrag wurde vollumfänglich zum Nachweis der Betroffenheit und Bedürftigkeit ausgefüllt“, fasst er zusammen. Seit dem ersten Treffen sind vier Monate vergangen, doch bisher ist noch nichts entschieden. „ Geduld bleibt das Gebot der Stunde“, sagt Michael Schmidt. Er wird die Mutter und ihre behinderte Tochter auch weiterhin begleiten und für sie eintreten.  

 

Betroffene sollen Bauspezialisten sein

 

„Der erste konkrete Fall einer betroffenen Familie mit verschiedenen Hörbehinderungen, den ich im vergangenen Jahr persönlich übernommen habe, wird noch heute von mir betreut“, so der Koordinator der Inklusiven Fluthilfe, die im Oktober 2021 mit Unterstützung der Kämpgen-Stiftung, der Marga und Walter Boll-Stiftung, der Kurt & Maria Dohle-Stiftung, der Kölschen Funken rut-wieß von 1823 e.V. sowie der Behindertenseelsorge des Erzbistums Köln ihren Dienst aufnahm und ihren Sitz am Diözesanzentrum St. Georg für Gehörlose und Hörbehinderte im Kölner Süden hat. „Das Wasser kam von der Erft in das Reihenhaus von Familie G.  in Erftstadt-Blessem“, so Schmidt weiter. „Es stieg unaufhaltsam innerhalb von zehn Minuten bis unter die Decke des Kellergeschosses.“

Zunächst half Michael Schmidt dabei, den Online-Antrag für finanzielle Mittel aus dem Wiederaufbaufonds des Landes zu stellen. Seine Arbeit hat immer auch eine seelsorgliche Dimension: Als die Zahlungen der Versicherung ausblieben und auch Gelder vom Staat oder aus Spenden nicht wie versprochen flossen, sprach der 60-jährige den Eltern der sechsköpfigen Familie G. immer wieder Mut zu.

„Aktuell ist vor allem eine baubegleitende Unterstützung gefragt“, berichtet der Koordinator. Verschiedene handwerkliche Gewerke würden nicht so funktionieren, „wie sie sollen und oft lässt die Qualität der Ausführung zu wünschen übrig“, so Schmidt. Hinzu kommen Auswirkungen der gegenwärtigen Krisen, die für Materialknappheit sorgen und Handwerkerpreise in die Höhe treiben. „Von den Betroffenen wird erwartet, dass sie Bauspezialisten sind und den Ausführungen der Handwerker folgen können. Nicht selten werden sie über den Tisch gezogen mit der Erklärung, dass ,das so sein muss‘ und zahlen viel zu viel“, so Michael Schmidt. Hier will der Koordinator gemeinsam mit einem Fachmann für Baubetreuung Abhilfe schaffen.

 

Neue Wohlfühlräume für autistische Menschen

 

Eine Familie aus Swisttal mit vier erwachsenen Kindern, die Störungen aus dem Autismus-Spektrum aufweisen, hatte ihre Schonräume verloren. „Der Schonraum ist für autistische Menschen der Ort, in dem sie ihren Akku wieder aufladen können“, erklärt Michael Schmidt. „Sie brauchen ihn dringend, um mit den vielen täglichen Eindrücken und Anforderungen umgehen zu können. Erst recht mit so einem traumatisierenden Erlebnis wie der Flut.“

Nach der Flut mussten die Zimmer der Vier leergeräumt und renoviert werden. Wegen fehlender finanzieller Mittel bestand die neue Einrichtung aus einem Sammelsurium an farblich und stilmäßig nicht zusammenpassenden gebrauchten Möbeln. „Für Autisten bedeutet das puren Stress“, so der Fluthilfe-Koordinator. Die vorher so gemütlich nach dem persönlichen Geschmack eingerichteten Zimmer waren keine Orte mehr, wo sich die jungen Erwachsenen physisch und psychisch sicher fühlen konnten. „In Zusammenarbeit mit der Stiftung St. Georg und der Gold-Kraemer-Stiftung ist es gelungen, eine neue Einrichtung für sie zu finanzieren und ihren individuellen Wohnbedürfnissen entgegenzukommen“, freut sich Michael Schmidt.  

 

Familien stoßen an ihre Grenzen

 

Eine sozial bedürftige Familie mit einem unterentwickelten Kind hatte sich „verrannt“, wie der Fluthilfe-Koordinator berichtet: „Sie wollten nach der Flut so schnell wie möglich wieder zurück in ihr Fachwerkhaus. Ohne Versicherung und ohne Rücklagen.“ Als Termin hatte die Familie aus Bad Münstereifel den Geburtstagsmonat von zwei der insgesamt drei Kinder angepeilt. Anfangs kamen auch viele freiwillige Helfer und packten mit an. Doch dann ebbte die Hilfe ab.

Der gesundheitlich angeschlagene Familienvater – Schichtarbeiter und bereits früh morgens auf der Straße unterwegs – versuchte es nach Feierabend im Alleingang mit gelegentlicher Unterstützung der Helfer aus dem Schwarzwald. „Es blieb ein Stückwerk. Fortschritte waren nicht zu sehen“, so Schmidt. Hinzu kamen Erfahrungen mit einem Betrüger, der sich als Gutachter ausgab und viel Geld haben wollte. Nur eine handwerklich begabte Familie aus dem Schwarzwald ist der Familie treu geblieben und kam meist am Wochenende, „aber nicht an jedem“, erzählt Schmidt. Manche Arbeiten mussten liegen bleiben.

„Als ich die Familie das erste Mal besuchte, trafen wir uns in ihrem von der Flut arg gebeutelten Haus. Es war ein großes Chaos.“ Die Wände waren bereits entkernt, stützende Holzbalken freigelegt. Überall hingen Kabel von der Decke, Möbel, Baumaterialien und Kartons standen unsortiert herum. „Der Familienvater erzählte mir bis ins kleinste Detail, was zu tun ist. Aber alleine konnte er das nicht schaffen“, sagt Michael Schmidt. Mit der Organisation eines professionellen Handwerkerteams aus dem Netzwerk des Koordinationsbüros konnten innerhalb einer Woche die Räumlichkeiten, die zum Einzug nötig waren, fertiggestellt werden. Das Handwerkerteam wurde von den Stiftungen St. Georg und Gold-Kraemer bezahlt.

Doch kurze Zeit danach „machte sich eine große Ohnmacht bei der Familie breit“, erzählt Schmidt weiter. „Sie hatten ihre Grenzen weit überschritten und mussten eine Pause einlegen.“ Die traumatischen Erlebnisse, die anfangs durch Aktivität verdrängt werden konnten, holten die Familie ein. Das Hin- und Herfahren zwischen Eigentum, Kindergarten, Förderschule und vorübergehender Bleibe, die Hausplanungen sowie die Geldsorgen hatten sie erschöpft. „Sie waren ausgepowert und haben sich jetzt psychologische Hilfe genommen“, erzählt der Koordinator. 

 

Unversehens obdachlos

 

Sie hatten ihr Leben gerade neu sortiert. Als Flüchtlingsfamilie lebten sie in einer Erdgeschosswohnung in Bad Neuenahr-Ahrweiler und fühlten sich wohl in Deutschland. Familie D. kam mit zwei Söhnen aus dem Irak. Der ältere von beiden leidet aufgrund eines frühkindlichen Hirnschadens an einer spastischen Lähmung durch Störungen des Nervensystems und der Muskulatur und erhält regelmäßige medizinische Versorgung in der nächstgelegenen Uniklinik. Mit der Flut verloren sie nahezu alles, was sie sich aufgebaut hatten. Das Wasser in ihrer Erdgeschosswohnung stand bis unter die Decke.

Aufgrund drohender Obdachlosigkeit bekam die Familie eine Notunterkunft zugeteilt – befristet für ein Jahr. „Um für ihren behinderten Sohn weiter mobil zu bleiben, brauchen sie zudem ein behindertengerechtes Auto. Die Finanzierung des Umbaus und eines Teils der Anschaffung genehmigte die Kreisverwaltung, aber noch fehlte ein großer Teil zum Kauf des Neuwagens“, erzählt Michael Schmidt. Der Unterstützungsbedarf entsprach den Förderkriterien der mit dem Koordinationsbüro Inklusive Flutopferhilfe verbundenen Kämpgen-Stiftung. Mit Bewilligung der Zuwendung konnte das neue Auto bestellt werden. „Als nächstes suchen wir nach einer größeren, wenn möglich barrierefreien und unbeschädigten Wohnung, damit die unverschuldete Obdachlosigkeit abgewendet werden kann“, sagt Schmidt. Er ist sicher: „Am Engagement der Familie wird es nicht scheitern.“

 

Schnelle und individuelle Hilfe

 

Seit der Einrichtung des Koordinationsbüros Inklusive Flutopferhilfe im Oktober 2021 begleitet Michael Schmidt in enger Abstimmung mit dem Gesamtverband der katholischen Kirchengemeinden der Stadt Köln – dem Rechtsträger des Stadtdekanats –, dem Diözesanzentrum St. Georg sowie der Kämpgen-Stiftung, die zusammen mit den anderen Stiftungen und Unterstützern das Projekt finanziert, von der Flut betroffene Menschen, die durch eine Behinderung gehandicapt sind. „Mittlerweile ist ein großes Netzwerk an helfenden Stiftungen, Organisationen und Einrichtungen innerhalb und außerhalb des Flutgebietes entstanden, das mit Rat und vor allem mit Tat zur Seite steht“, so Koordinator Michael Schmidt.

„Es geht in erster Linie um eine schnelle und individuelle Hilfe bei gerade anstehenden Problemen“, sagt Schmidt. Mit der Zeit habe sich herausgestellt, dass aus der ersten Hilfestellung eine persönliche Begleitung der Familien über einen längeren Zeitraum wird. „Es sind Beziehungen entstanden“, so Schmidt. „Wir werden die Schicksale der Familien ein Jahr nach der Flut weiter begleiten. Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Wo wir helfen können, werden wir unser Möglichstes tun – und dafür können wir weiterhin auf die Unterstützung unseres Netzwerkes zählen.“

 

Das Engagement geht weiter

 

„Den Stiftungen und dem Erzbischöflichen Generalvikariat sind wir sehr dankbar für die großzügige, unbürokratische Unterstützung der Stelle des Fluthilfe-Koordinators und für die Unterstützung einzelner Familien“ sagt Rudger von Plettenberg, der Geschäftsführer des Gesamtverbandes. „Die Flutkatastrophe hat viel Leid geschaffen, doch bei seiner Unterstützung betroffener Familien erfährt Michael Schmidt viel Dankbarkeit für unkomplizierte Hilfe. Ich danke allen Unterstützern!“

Ein Jahr ist die Flutkatastrophe her – doch die Folgen werden noch lange anhalten. Michael Schmidt möchte vor allem all jene Menschen mit Behinderung ermutigen, sich zu melden, die noch keine oder nicht die notwendige Hilfe bekommen. „Für viele ist es schwierig, sich mit Versicherungen oder behördlichen Stellen auseinanderzusetzen. Viele kennen auch ihren Anspruch auf Hilfe und Unterstützung nicht oder sind überfordert mit der Situation“, sagt der Fluthilfe-Koordinator. „Vor allem für sie sind wir da. Melden Sie sich bitte und wir suchen gemeinsam nach einer Lösung für Sie!“ 

 

Kontakt 

Koordinationsbüro Inklusive Fluthilfe
Michael Schmidt
c/o Katholische Kirchengemeinde St. Georg
Georgstraße 6-8
50676 Köln
Mobil: 01522 2606051
E-Mail: michael.schmidt@erzbistum-koeln.de

 

https://flutopferhilfe.georg-koeln.de

 

(* Aus Gründen des persönlichkeitsrechtlichen und Datenschutzes nennen wir keine Namen.)

 

DOMRADIO.DE hat mit Michael Schmidt ein Interview geführt. Hier können Sie es nachhören.

 

Zurück