Predigt von Stadtdechant Msgr. Robert Kleine in der Abschlussmesse der Männerwallfahrt

24. März 2026; ksd

Köln. 

„Miteinander beginnt mit mir“ – dieser Satz klingt einfach. Und doch steckt in ihm eine große Herausforderung. Denn oft denken wir beim Wort Miteinander zuerst an die anderen:

Die anderen sollen freundlicher sein.

Die anderen sollen rücksichtsvoller sein.

Die anderen sollen sich ändern.

 

Aber dieses Leitwort dreht die Perspektive um. Es sagt nicht: Miteinander beginnt mit den anderen.

Es sagt: Miteinander beginnt mit mir.

 

In unserem Alltag erleben wir viele Situationen, in denen das Miteinander auf die Probe gestellt wird: in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Familie, im Verein oder auch online. 

Missverständnisse, Stress, unterschiedliche Meinungen – all das gehört zum Leben. 

Die Frage ist nicht, ob Konflikte entstehen, sondern wie wir mit ihnen umgehen.

 

Und genau hier beginnt das „mit mir“.

 

Es beginnt mit meiner Haltung.

Wie gehe ich auf andere zu?

Höre ich wirklich zu – oder warte ich nur darauf, selbst zu sprechen?

Bin ich bereit, andere Meinungen auszuhalten, auch wenn sie nicht meiner entsprechen?

Miteinander beginnt mit kleinen Dingen:

mit einem freundlichen Wort,

mit Respekt,

mit der Bereitschaft, einen Schritt auf andere zuzugehen.

Oft unterschätzen wir, wie sehr unser eigenes Verhalten andere beeinflusst. Ein Lächeln kann den Ton eines ganzen Gesprächs verändern. Ein ehrliches „Es tut mir leid“ kann eine festgefahrene Situation lösen. Und manchmal reicht es schon, jemanden nicht sofort zu verurteilen, sondern nachzufragen.

Natürlich heißt das nicht, dass ich alles hinnehmen muss oder immer einer Meinung sein soll. Ein gutes Miteinander bedeutet nicht Gleichheit, sondern Respekt trotz Unterschiedlichkeit. Ich darf meine Meinung vertreten – aber ohne andere kleinzumachen.

 

Wenn jeder von uns bei sich selbst anfängt, entsteht etwas Größeres: Vertrauen. Gemeinschaft. Zusammenhalt. Kein perfektes Miteinander, aber ein echtes.

 

„Miteinander beginnt mit mir“, bedeutet, dass ich mir immer wieder die Frage stelle

Was kann ich heute tun, damit das Miteinander ein kleines Stück besser wird?

Liebe Schwestern und Brüder,

mit einem einzigen Satz gibt Jesus auf diese Frage eine Antwort: 

„Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ 

Ein Satz – klar, einfach, verständlich. Und doch so herausfordernd.

 

Diese sogenannte „Goldene Regel“ zwingt uns zu einem Perspektivwechsel.

Sie fragt nicht zuerst: Was steht mir zu?

Sie fragt: Was wünsche ich mir – und bin ich bereit, genau das auch anderen zu geben?

Ich wünsche mir von anderen: Respekt Geduld Verständnis. Ehrlichkeit. Vergebung.

 

Und nun kommt die unbequeme Frage:

Bin ich bereit, genauso respektvoll, geduldig, verständnisvoll, ehrlich und vergebungsbereit zu sein?

 

Die Goldene Regel ist dabei viel mehr als ein „Du sollst nicht“

Viele ethische Regeln lauten ja negativ:

„Du sollst nicht stehlen.“

„Du sollst nicht lügen.“

Die Goldene Regel geht weiter. Sie ist positiv formuliert:

Nicht nur nichts Böses tun, sondern aktiv das Gute tun.

Nicht: „Ich habe niemandem geschadet.“

Sondern: „Habe ich jemandem geholfen?“

Das erinnert uns an die Rede vom Weltgericht: Das Gute, das ihr dem geringsten meiner Brüder getan oder nicht getan habt, das habt ihr mir getan bzw. nicht getan.“

 

Liebe Männer,

„Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen.“  Das ist anspruchsvoll.

Denn es bedeutet, Initiative zu ergreifen.

 

Und es ist nicht so einfach. Denn die Goldene Regel gilt nicht nur für Menschen, die ich mag.

Sie gilt auch für

den schwierigen Kollegen
den Nachbarn, der mich nervt
den Menschen, der mich verletzt hat
Gerade hier zeigt sich ihre Kraft.

 

Jesus selbst hat diese Regel gelebt – selbst am Kreuz. Er antwortete auf Hass mit Vergebung, auf Gewalt mit Liebe.

Die Goldene Regel ist deshalb keine Höflichkeitsregel.

Sie ist Ausdruck der Liebe Gottes.

 

Stellen wir uns vor:

Politiker würden sich fragen: Wie möchte ich regiert werden?
Arbeitgeber würden sich fragen: Wie möchte ich behandelt werden?
Familienmitglieder würden sich fragen: Wie wünsche ich mir den Ton zu Hause?
Unsere Welt sähe anders aus.

 

Frieden beginnt nicht in großen Konferenzen.

Er beginnt im Herzen. Und im ganz konkreten Verhalten.

Doch seien wir ehrlich:

Aus eigener Kraft schaffen wir das nicht immer. Die Goldene Regel will keinen moralischen Leistungsdruck erzeugen.

Sie ist vielmehr die deutliche Einladung, sich von Gottes Liebe prägen zu lassen.

Wer sich von Gott angenommen weiß, kann großzügiger sein.

Wer Vergebung erfahren hat, kann leichter vergeben.

Die Goldene Regel ist kein kompliziertes Programm.

Sie passt in einen einzigen Satz.

Aber sie kann die Welt verändern. Und mein Leben, meinen Alltag. Immer dann, wenn ich mir die Doppelfrage stelle:

Was wünsche ich mir von anderen?

Und wem kann ich genau das heute schenken?

Als Mann. Als Christ. Amen.

 

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