Stadtdekanat Köln hilft unbürokratisch: Neue Koordinierungsstelle Inklusive Flutopferhilfe für Menschen mit Behinderung

14. November 2021; ksd

Köln. Vier Monate nach der verheerenden Flutkatastrophe an Erft, Sieg und Ahr sind die Folgen noch immer sicht- und vor allem spürbar. Zehntausende Menschen sind betroffen; der Wiederaufbau wird Jahre dauern. Viele Menschen sind traumatisiert. Eine Personengruppe unter den Betroffenen, die bislang kaum im Fokus der Öffentlichkeit stand, sind Menschen mit Behinderung. Das Katholische Stadtdekanat Köln hat darum gemeinsam mit mehreren Partnern das „Koordinationsbüro Inklusive Flutopferhilfe“ geschaffen. Koordinator Michael Schmidt hat jetzt seine Arbeit aufgenommen. Träger der neuen Stelle ist der Gesamtverband der katholischen Kirchengemeinden der Stadt Köln, der Rechtsträger des Stadtdekanats. Kooperationspartner und Unterstützer sind die Kämpgen-Stiftung, die Marga und Walter Boll-Stiftung, die Kurt & Maria Dohle-Stiftung, die Kölsche Funken rut-wieß von 1823 e.V., die Behindertenseelsorge des Erzbistums Köln sowie die Integrative Kirchengemeinde St. Georg in der Kölner Südstadt. Dort hat die neue Koordinierungsstelle auch ihren Sitz. 

„Für viele Menschen mit Behinderung ist die Bewältigung der Flutkatastrophe und ihrer Folgen eine besonders schwere, fast unlösbare Aufgabe. Sie sind in vielen Fällen überfordert und hilflos“, sagt Michael Schmidt, der neue Koordinator der Inklusiven Flutopferhilfe. Entsprechende Anfragen und Bitten um Hilfe und Unterstützung haben sich in der Integrativen Gemeinde St. Georg, wo auch das Diözesanzen­­­­-trum für Hörbehinderte angesiedelt ist, in den vergangenen Monaten gehäuft. Um schnellstmöglich helfen und die Anfragen besser kanalisieren zu können, wurde darum in Kooperation von Kirchengemeinde, Behindertenseelsorge des Erzbistums Köln und dem Stadtdekanat Köln, das mit dem Gesamtverband der katholischen Kirchengemeinden der Stadt Köln die Trägerschaft übernommen hat, die neue Stelle geschaffen. Für eine gesicherte Finanzierung und die Ausstattung gab es großherzige Unterstützung durch die Kämpgen-Stiftung, die Marga und Walter Boll-Stiftung, die Kurt & Maria Dohle-Stiftung sowie die Roten Funken.

 

Erste Einsätze und Unterstützung in den Flutgebieten

 

Seine ersten Besuche und Gespräche in den betroffenen Gebieten hat Schmidt bereits hinter sich. Dabei geht es nicht nur darum, sich selbst ein Bild von der aktuellen Lage vor Ort zu machen, sondern auch darum, vorhandene Strukturen und Netzwerke kennen zu lernen und die Arbeit für Menschen mit Behinderung zu bündeln. Auch unmittelbar mit Betroffenen hat Michael Schmidt schon Kontakt gehabt und etwa einer Eifelerin beim Ausfüllen des Online-Antrags auf eine Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen geholfen. „Ihr Haus ist zur Hälfte durch eine Flutwelle zerstört worden“ , berichtet Schmidt. Die gewaltige Welle hatte Autos ineinandergeschoben, die dann die Häuserfront wegrissen. Nun muss das alte Fachwerkhaus ganz abgetragen werden. Schmidt half der Frau Schritt für Schritt bei dem Online-Antrag. Anschließend fuhr er mit ihr gemeinsam zum vorher vereinbarten Beratungstermin ins Rathaus von Schleiden, um dort zusammen mit dem Verwaltungsbeamten den Antrag abzuschließen.

„Welche Hilfen kann ich erwarten? Was zahlt die Versicherung? Wann kann ich wieder nach Hause zurück und mein ,normales‘ Leben weiterleben? Wo bleibe ich in der Zwischenzeit? Und was soll ich machen, wenn mein Haus abgerissen wird und ich umziehen muss?“: Bei Fragen wie diesen will Schmidt helfen – direkt, aktiv oder vermittelnd, in jedem Fall aber unbürokratisch und niedrigschwellig. „ Es ist ja vor allem die große Ungewissheit, wie es weitergeht, die die Menschen belastet“, sagt der Koordinator. Existenzielle Sorgen und Ängste um die Zukunft treffen Menschen mit Behinderung, die im gesellschaftlichen Alltag ohnehin oft schon benachteiligt sind, besonders hart. 

 

Ein traumatherapeutisches Netzwerk aufbauen

 

Bislang war der Fluthilfe-Koordinator in Blessem, Gemünd, Bad Neuenahr-Ahrweiler und im Rhein-Sieg-Kreis. Auch wenn er die Bilder der Zerstörung aus den Medien kannte, hat den 60-Jährigen das persönliche Erleben tief bewegt. „Zu sehen, dass eine ganze Stadt betroffen ist, hat mich umgehauen“, sagt Schmidt. „Das konnte ich mir trotz der Fernsehbilder so nicht wirklich vorstellen.“ Katastrophal sei die Lage nach der Flut überall, sagt er, „aber an der Ahr war es noch katastrophaler, da ist fast jeder betroffen“. 

Vielerorts sind die sichtbarsten Folgen der Flutkatastrophe beseitigt, gehen die Aufräumarbeiten voran und wird mit dem Wiederaufbau begonnen. Mit den Folgen der Flut werden viele Menschen aber noch Jahre zu tun haben. Vor allem die psychischen und andere, persönliche Folgen der traumatischen Erfahrung werden sich erst im Laufe der Zeit bemerkbar machen. Die Hilfe für traumatisierte Menschen ist eines der Hauptanliegen der Inklusiven Flutopferhilfe. „Wir stehen jetzt noch ganz am Anfang, aber wir wollen so rasch wie möglich ein traumatherapeutisches Netzwerk aufbauen“, erklärt Michael Schmidt.

Dabei geht es nicht nur darum, qualifizierte Therapeutinnen und Therapeuten zu finden, die Gebärdensprache beherrschen, sondern auch darum, gebärdensprachkompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge sowie in sozialen Einrichtungen für eine traumatherapeutische Zusatzqualifizierung zu gewinnen. Darüber hinaus werden für Betroffene Gebärdendolmetscher vermittelt, die Menschen mit Höreinschränkung etwa beim Gang zu Ämtern und Behörden begleiten können. Auch auf Beratungsangebote anderer Institutionen, beispielsweise der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung oder der Caritas, wird verwiesen. 

 

„Wir müssen einfach helfen“

 

Kölns Stadtdechant Msgr. Robert Kleine und Rudger von Plettenberg, der Geschäftsführer des Gesamtverbandes der katholischen Kirchengemeinden der Stadt Köln, haben nicht zweimal überlegt, ob sie die Initiative des Diözesanzentrums St. Georg – namentlich von dessen Leiter, Pfarrer Dr. Hermann-Josef Reuther –  und von Dr. Juliane Mergenbaum, Diözesanreferentin für Menschen mit Hörbehinderung, unterstützen. „Die schrecklichen Bilder von der Flut wird niemand vergessen. 180 Menschen haben ihr Leben verloren, zehntausende sind betroffen – für uns als Christen ist es keine Frage, dass wir da einfach helfen müssen“, sagt Stadtdechant Kleine. „Es ist ein Akt der Solidarität und vor allem der Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe. Menschen mit Behinderung brauchen jetzt Hilfe und Unterstützung, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Ich freue mich, dass es mit Hilfe von Stiftungen und engagierten Karnevalisten unserer Stadt gelungen ist, diese neue Koordinationsstelle rasch einzurichten und auszustatten. Das ist ein Zeichen gelebter Solidarität.“

Rudger von Plettenberg hebt die gute Kooperation und schnelle Hilfsbereitschaft hervor: „Ich freue mich, dass es gelungen ist, unkonventionell, mit verschiedenen Partnern in dieser Katastrophe Menschen Hilfe anbieten zu können, die im normalen Alltag schon mit vielen Einschränkungen leben müssen“, sagt der Geschäftsführer des Gesamtverbandes.

 

Bewährte Zusammenarbeit und Netzwerke

 

„Es hat sich vieles ganz schnell und sehr gut zusammengefügt, um diese Stelle einrichten zu können. Die seit vielen Jahren bewährte Zusammenarbeit unserer Seelsorge für Menschen mit Hörbehinderung und der Kämpgen-Stiftung hat hier den Anfang gemacht“, betont der Initiator und Leiter des Diözesanzentrums St. Georg, Pfarrer Dr. Hermann-Josef Reuther. „Die jeweilige Vernetzung beider Einrichtungen hat dann dazu geführt, dass Trägerschaft und Finanzierung sowie Stellenbeschreibung und Personalfindung so schnell erfolgen konnten. Es ist schon toll zu erleben, dass so etwas so schnell und unkompliziert möglich ist.“

Auch Initiatorin Dr. Juliane Mergenbaum, Leiterin des Referats Behinderten- und Psychiatrieseelsorge im Erzbistum Köln, hebt die gute Zusammenarbeit auf allen Ebenen hervor: „Es hat sich in dieser aktuellen Situation wieder gezeigt, wie wichtig gut funktionierende Netzwerke sind – und ein solches haben wir in unserem Arbeitsfeld Gott sei Dank“, sagt die an St. Georg tätige Hörbehindertenpädagogin. „Als wir über die Herausforderung sprachen, Flutopfern mit Behinderung koordinierte Hilfen zukommen zu lassen, sagte eine Kollegin des Kölner Caritasverbandes zu mir, dass über diese Art des gemeinsamen Einstehens für ein gerade sehr notwendiges Projekt unsere ohnehin schon gute Zusammenarbeit noch einmal eine besondere Qualität bekommen würde.“ Und davon, sind sich Mergenbaum und Reuther einig, „profitieren alle, vor allem aber die Betroffenen“ .

 

Information

 

Zielgruppen des Koordinationsbüros Inklusive Flutopferhilfe sind Menschen mit Behinderungen, die von der Flutkatastrophe an Erft, Sieg und Ahr betroffen oder mitbetroffen sind: Menschen mit kognitiven und körperlichen Einschränkungen sowie Sinnesbehinderungen; Menschen mit einer psychischen Erkrankung und Behinderung; Familien mit behinderten Angehörigen: Menschen mit Behinderung, die durch die Erfahrung traumatisiert wurden; traumatisierte Kinder und Jugendliche aus den Familien; ältere und hochbetagte Menschen mit Behinderung, die nicht mehr über die Ressourcen verfügen, die Belastungen zu bewältigen.

 

Kontakt

 

Koordinationsbüro Inklusive Fluthilfe
Michael Schmidt
c/o Katholische Kirchengemeinde St. Georg
Georgstraße 6-8
50676 Köln
01522 2606051
michael.schmidt@erzbistum-koeln.de

 

Mehr unter https://flutopferhilfe.georg-koeln.de

 

Zur Person

 

Michael Schmidt, 60, stammt aus Köln. Er kommt aus den Bereichen Marketing und Kommunikation und war zuletzt Abteilungsleiter Marketing und Unternehmenskommunikation eines Gesundheitsdienstleiters, der mehrere Rehabilitationskliniken sowie eine Einrichtung für geistig und körperlich behinderte Menschen betreibt. Die Einrichtungen mit Verwaltungssitz in Gelsenkirchen hat er zur Holding zusammengeführt.

 

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